Die Nacht der Kerzen 2025. Foto: M. Reißmann

Plauen im Lichtermeer – Nacht der Kerzen erinnert an den Mut von 1989

Ein Abend für Licht, Freiheit und Erinnerungen

Auf dem Thomas-Küttler-Platz in Plauen wurde Geschichte im Schein unzähliger Kerzen lebendig. Die zweite Nacht der Kerzen verband Erinnerungen an den Herbst 1989 mit Musik, Projektionen und Gesprächen über Freiheit, Mitbestimmung und Demokratie.

Kerzen in den Fenstern, eine symbolische Kirchenglocke, zerfallende Mauern und die Farben Schwarz-Rot-Gold: Die Fassade des Plauener Nonnenturms verwandelte sich in eine eindrucksvolle Projektionsfläche zur Erinnerung an die Friedliche Revolution vor 36 Jahren. Die Video-Mapping-Installation war der Hingucker der Nacht der Kerzen auf dem Thomas-Küttler-Platz, die Plauener Ereignisse vom 7. Oktober 1989 wurden in beeindruckender Weise lebendig.

Die Initiatoren der zum zweiten Mal veranstalteten Nacht der Kerzen, Sebastian Höfer und Martin Reißmann, erweckten die Bilder, die Geschichte schrieben, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zum Leben. So hatten die Plauener ihren Stadtturm noch nie gesehen. Umgeben von Laserlicht und Spots stellten immer mehr Menschen Kerzen in einen großen PL-Buchstaben-Rahmen: ein stilles, aber sichtbares Zeichen für Freiheit und Mitbestimmung.

Der MDR Sachsenspiegel berichtete live aus Plauen von der Nacht der Kerzen. Die Bilder aus Plauen gingen damit weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Die Nacht der Kerzen ist Erinnerung und Feier zugleich. Sie knüpft an den 7. Oktober 1989 an, als sich in Plauen erstmals in der DDR Geschichte mit einer Massendemonstration auf der Straße entschied. Damals stellten Demonstranten Kerzen am Portal der Lutherkirche ab – ein Ritual, das bis heute zu den Jahrestagen fortgeführt wird.

Brigitte Küttler, die in Leipzig lebende Witwe des 2019 verstorbenen damaligen Plauener Superintendenten Thomas Küttler, war auf der Bühne zu Gast. Er gilt durch sein beherztes wie moderierendes Auftreten als „Wegbereiter der Friedlichen Revolution“ in Plauen. Von 1979 bis 2000 lebte die Familie in der Stadt, die Kinder wuchsen hier auf.

Im Rückblick hob Brigitte Küttler den Mut und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Plauener hervor, die sich mit Rufen wie „Keine Gewalt“ und „Wir kommen wieder“ gegen die Staatsmacht auflehnten und demokratische Rechte und Freiheiten einforderten. „Ich wünsche mir, dass das weitergetragen wird“, sagte sie. Genau diesem Anliegen widmet sich die Nacht der Kerzen: Die Botschaft von Freiheit, Mitbestimmung und friedlichem Protest soll an die junge Generation weitergegeben werden.

Musik verbindet Generationen

Schon ab 18 Uhr setzte die Oelsnitzer Schülerband Heavy Kids Allstars musikalische Akzente. Die Nacht der Kerzen versteht sich ausdrücklich auch als Bühne für Nachwuchskünstler, die mit ihren Songs die Themen des Abends aufgreifen.

Später stimmte Sängerin Hannah Heart den Silly-Song „Verlorene Kinder“ an, der wenige Monate vor dem Mauerfall erschienen war. An ihre Seite gesellten sich Lino Markford und Vater Thomas; das Trio trat bereits bei der Plauener Liedernacht im Malzhaus auf. Im Laufe des Abends kehrten Hannah, Lino und Thomas in verschiedenen Konstellationen immer wieder auf die Bühne zurück – als Hannah, Lino und Thomas, als Lino & Dad oder gemeinsam mit Hannah Heart.

Zwischen 19.45 Uhr und 21 Uhr wechselten sich Livemusik und Berichte von Zeitzeugen in dichter Folge ab. Mehrfach war Livemusik mit Hannah Heart, Lino und Thomas angekündigt – darunter auch als Lino & Dad – und zog eine Brücke zwischen den Erinnerungen von 1989 und den Fragen der Gegenwart. So wurde die Nacht der Kerzen zu einem Abend, der an die Friedliche Revolution erinnert, Nachwuchskünstler fördert und alle Generationen zusammenbringt.

“Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Ich finde es großartig, dass Sie hier in Plauen das feiern - und mit der Kerze in der Hand auch daran erinnern: Es geht auch anders, es geht auch friedlich.”

Generationsübergreifend an den Mut der Plauener erinnern

Die Veranstalter spielten in mehreren Blöcken Erinnerungen von Zeitzeugen ein und holten Gäste auf die Bühne. Dr. Kai-Michael Sprenger von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte stand Rede und Antwort und ordnete die Plauener Ereignisse historisch ein. Mit Frank Heidan und Hansjoachim Weiß kamen zudem Mitglieder des Vereins Vogtland ’89 zu Wort, die das neue Plauener Buch „Verzweiflung & Aufbruch“ vorstellten.

Das Programm war dicht: Ab 19 Uhr gab es Gespräche mit Plauens Oberbürgermeister Steffen Zenner und mit Brigitte Küttler zum neuen Thomas-Küttler-Platz auf der Bühne. Eine symbolische Übergabe einer Kerze aus Plauen für das Leipziger Lichtfest knüpfte eine direkte Verbindung zu den Feierlichkeiten in der Messestadt.

Im weiteren Verlauf der Nacht berichteten Margita Bischof, Karsten Grundmann, Hella Eichelkraut gemeinsam mit Enkelin Isabel Zschach, Holger Gäbelein, Gerold Kny und Frank Heidan als Zeitzeugen von ihren Erfahrungen. Besucherin Christina Böhm zeigte sich von der Vielfalt dieser Perspektiven beeindruckt. „Eine faszinierende Idee“, fand die 31-jährige Plauenerin beim Blick auf die Projektion am Nonnenturm. Das moderne Format habe ihr gefallen, ebenso die verschiedenen Sichtweisen der Zeitzeugen. Geht es nach ihr, könne es im nächsten Jahr gern eine Fortsetzung geben.

Die Nacht der Kerzen 2025. Foto: M. Reißmann

Lichterzug und starke Emotionen

Ein Höhepunkt des Abends war der Plauener Lichterzug, der ab 19.30 Uhr in Erinnerung an den ersten Demonstrationsmarsch in Plauen am 7. Oktober 1989 durch den Lutherpark führte. Kerzenlicht zog sich durch die Stadt, während auf der Bühne Musik und Berichte die historischen Ereignisse lebendig hielten.

Besucherin Andrea Krüger ließ ihren Emotionen freien Lauf: „Ich bin dankbar, dass ich das damals erleben durfte“, sagte die 62-Jährige, die mit ihrer Familie in die Innenstadt gekommen war. Niemand dürfe vergessen, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich seien, sondern damals erkämpft werden mussten. Diese ganz persönlichen Sätze machten deutlich, wie eng sich Biografien, Stadtgeschichte und die Bilder der Nacht der Kerzen miteinander verbinden.

Mehrfach am Abend, ab 19.15 Uhr sowie später um 20.15 Uhr und 21 Uhr, stand die Licht- und Laser-Video-Mapping-Show am Nonnenturm im Zentrum. Kerzen in Fenstern, Projektionen von Mauern und die Farben Schwarz-Rot-Gold erzählten vom Zusammenbruch des alten Systems und vom Aufbruch in die Demokratie. Die Fassade wurde so zur Leinwand der Stadtgeschichte.

Besonders jüngere Besucher wie Christina Böhm erlebten durch das Zusammenspiel aus moderner Technik, KI-gestützten Bildern und historischen Aufnahmen einen neuen Zugang zur Friedlichen Revolution. Die Nacht der Kerzen zeigte, dass Erinnerungskultur nicht museal sein muss, sondern mit zeitgemäßen Formen Menschen aller Altersgruppen erreichen kann.

Ein Format, das bleiben soll

Veranstalter Sebastian Höfer freute sich über das positive Feedback und machte deutlich, dass die Nacht der Kerzen keine einmalige Aktion bleiben soll. „Wir wollen die Nacht der Kerzen mit der Stadt und unseren Partnern etablieren“, kündigte er an. Die Veranstaltung solle nicht nur Rückblick, sondern auch Angebot für die Gegenwart sein.

Plauens Oberbürgermeister Steffen Zenner lobte das Konzept. Die Stadtverwaltung hatte die Nacht der Kerzen kurzfristig als Abschluss des Plauener Kultursommers deklariert und finanziell unterstützt. Getragen wurde der Abend zudem vom Förderprojekt „PlauenerCity900+ – Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren (ZIZ)“ sowie von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte.

Die Nacht der Kerzen will Generationen verbinden – Zeitzeugen, Kinder und Jugendliche sollen gemeinsam erleben, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind. Die Nacht der Kerzen zeigt aber auch, wie lebendig diese Erinnerung in Plauen ist – und wie ein Abend aus Licht, Geschichte und Musik eine Stadt still, aber eindrucksvoll verbinden kann. Ende der Veranstaltung war 23 Uhr; zurück blieb das warme Leuchten der Kerzen und das Versprechen, die Erfahrungen von 1989 weiterzutragen.